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2010-05-08 18:35 Persönlich
Depersonalisierung?

Auszug aus dem Gespräch vom 06.05.2010

 

Ich kann mich überhaupt nicht mehr an den genauen Gesprächsverlauf erinnern – es hat mich zu sehr beschäftigt. Um es besser zu verstehen, versuche ich, dass – an was ich mich erinnern kann – möglichst wortgetreu wiederzugeben. Aber wie gesagt, es fehlen noch Zusammenhänge. Aber vielleicht erkenne ich daraus mehr…

 

Es war mal wieder nach dem Stimmtraining:

 

Sie: Kannst Du richtig wütend sein? (Sie zeigt mir den Unterschied, wie sie wütend mit dem Fuß auf den Boden stampft und wie ich es unmittelbar zuvor machte.)

Ich: Schweige.

Sie: Was kann Dich so richtig wütend machen?

Ich: Ich weiß es eigentlich gar nicht.

Sie: Was empfindest Du bei dem, was ich sage?
Ich: Du bringst mich eher zum heulen, als zum wütend sein.

Sie: Die jahrelange Wut hat sich in Trauer umgewandelt. Und ich spüre ganz, ganz viel Trauer in Dir.

 

Der weitere Gesprächsverlauf fehlt mir an dieser Stelle in der Erinnerung. Der nächste Abschnitt, der mir wieder einfällt. (Es ging um Gespräche, welche ich wegen der aktuellen Situation mit meiner Mutter hatte.)

Ich: Ich merke, dass ich mich wieder von meiner Mutter zurückziehe.

Sie: Wie? Meinst Du es ist richtig, immer alles mit der Mutter zu besprechen? Muß sie alles wissen? Z. B. wie es in der Therapie läuft? Was da geredet wird? Ob über sie geredet wird?
Ich: Nein, natürlich nicht. Ich habe mit ihr geredet, als ich das Bedürfnis dazu hatte. Natürlich fragt sie nach, was in der Therapie besprochen wurde. Aber ich sage nur Stichpunkte und nicht jedes Detail.

Sie: Warum ziehst Du Dich zurück?

Ich: (Ich weiß meine genaue Antwort nicht mehr. Auf jeden Fall sagte ich im Verlauf dann Folgendes:) Die ganze Heimlichtuerei geht doch auch wieder gerade so weiter. So z.B. wird mein Vater ausgeschlossen. Meine Probleme habe ich nur mit meiner Mutter beredet. Mein Vater wurde von ihr hinaus geschickt. Meine Mutter redet nicht mit meinem Vater über die Einzelheiten meiner Probleme. Nun ist es halt so, dass ich nicht weiß, was mein Vater weiß – und auf Grund dessen eben auch nicht weiß, was ich sagen darf und was nicht.

Sie: Warum kannst Du nicht mit Deinem Vater reden?

Ich: Er ist sehr sensibel. Er fängt bei jeder Kleinigkeit sofort zu Jammern an, und das habe ich „hier“ stehen (und zeige dabei auf die Oberlippe). Im „Männerjargon“ würde man ihn als Weichei bezeichnen.

Sie: Du kannst natürlich mit Deinem Vater reden. Und was die Probleme mit Deiner Mutter betrifft usw.: Das kann sie ihm erklären – es ist einfach ihr Problem.

Sie erzählt kleine Beispiele aus ihrer Familie.

Ich: Weißt Du, mein Vater trank jeden Tag 7 bis 8 Bier. Jetzt trinkt er etwas weniger. Ich weiß die genaue Menge nicht. Ich weiß, dass er eigentlich Alkoholiker ist.

Sie: Es war mir soweit klar. Du zeigst typische Verhaltensmuster von Kindern alkoholabhängiger Eltern.

Ich: So ein richtiger Alkoholiker ist er eigentlich nicht. Er kann – wenn er z. B. abnehmen möchte – ruckzuck mal für Wochen Pause machen. Er ist eher ein Gewohnheitstier. Er trinkt ja nicht, bis er vollkommen besoffen ist. Aber er trinkt halt einfach regelmäßig Alkohol.

Sie: Er IST Alkoholiker.
Ich: Ich weiß, aber es sieht halt nicht jeder so.

Sie: Du hast jetzt die Aufmerksamkeit Deiner Mutter bekommen, die Du wolltest. Aber jetzt ziehst Du Dich wieder zurück. Du hast gemerkt, dass sie sich nicht ändern wird.

Ich: Sie probiert es aber. Und ich habe jetzt auch mehr Verständnis für ihre Verhaltensweise.

Sie: Du hängst an Deinen Eltern, sonst hättest Du Dich schon lange zurück gezogen. Du würdest den Kontakt einschränken oder sogar ganz abbrechen – so wie ich es getan habe. Ich kann zwar mit meiner Mutter wieder reden und sie auch besuchen  - aber mehr geht eben nicht. Ich habe gelernt mich abzugrenzen – und das solltest Du auch tun.

Ich: Wie?
Sie: Das solltest Du mit Deiner Therapeutin erarbeiten. Es gibt verschiedene Techniken. Zuerst einmal muß sie Dich stabilisieren.

Ich: Schweige

Sie: Du widersprichst Dir ständig. Weißt Du das? Du äußerst ganz kurz und bündig etwas. Dies scheint aus Deinem tiefsten, ganz verschüttetem Inneren zu sein, nur um mir dann einen ellenlangen Vortrag darüber zu halten, dass es eigentlich gar nicht so sein kann, wie Du es unmittelbar zuvor behauptet hast.

Ich: Ich fühle mich auch einfach so.

Sie: Du sagst etwas, was ganz sicher aus Deinem tiefsten Inneren kommt. Und im nächsten Moment scheinst Du es von einer anderen Seite zu betrachten – und alles kann auf einmal gar nicht mehr so sein. Hast Du schon mal versucht, Dich von Außen zu betrachten?

Ich: Das kann ich bis zur Perfektion – neben mir stehen.

Sie: Was fühlst Du dabei, wenn Du – wie Du sagst – neben Dir stehst.

Ich: Nichts. Ich fühle überhaupt nichts.

Sie: Das habe ich mir gedacht. Das nennt man Depersonalisierung. Es ist kein Wunder, bei Jemandem der so traumatisiert wurde wie wir. Aber es ist auch ein Selbstschutz. Wie hättest Du überlebt, wenn Du alle Gefühle zugelassen hättest.

Ich: Überhaupt nicht.

Sie: Siehst Du. Es ist ein Selbstschutz. Genau das ist der Grund.

Ich: Schweige

Sie: Kannst Du „Nein“ sagen.

Ich: Damit habe ich Schwierigkeiten.
Sie: Das kannst Du aber lernen, wenn Du es möchtest.

Ich: Vor kurzem hätte ich bei dem Zwillingsbruder meines erst verstorbenen Zitherlehrers und Ersatzopa ein Geburtstagsständchen spielen sollen. Ich habe abgelehnt. Ich hätte es einfach nicht gekonnt.
Sie: Das ist aber schon ein ganz krasses Beispiel. Kannst Du auch in alltäglichen Situationen „nein“ sagen. „nein das mach ich jetzt einfach nicht“ „nein, dass will ich nicht“

Ich: Es fällt mir schwer.

Sie: Hast Du einen Ort, oder eine Gelegenheit, oder eine Sache, die Du nur für Dich hast? Wo Du ungestört Du selbst sein kannst?
Ich: Nein – eigentlich nicht.

Sie: Nicht einmal in der Therapie? Die sollte nur für Dich sein. Das, was Du dort machst und tust, geht außer Dir niemanden was an.

Ich: Aber ich werde danach gefragt.
Sie: Du musst doch nicht antworten.
Ich: Ich habe ständig das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen muß, wenn ich etwas tue, was nur für mich ist. Ich hasse es ganz einfach, ständig in der Verteidigungshaltung zu sein.

Sie: Bist Du wirklich in der Verteidigungshaltung – oder lässt Du Dich da reindrängen.
Ich: Ich weiß es nicht. Ich habe eben immer das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen muß.

Sie: Du brauchst einen Ort, wo Du ausschließlich für Dich bist. Ein Sicherheitsfeld. Eine Mauer um Dich herum, durch die Du niemanden hindurch lassen musst, wenn Du es nicht möchtest. Das musst Du lernen – und Du kannst es lernen. Du musst Dich abgrenzen.

Ich: Weißt Du, ich habe vor Jahren mal gesagt > Immer wenn ich mal den Kopf aus der Tonne strecke, ist da jemand der den Deckel wieder drauf haut. < Jedesmal, wenn wir soweit sind, etwas für uns zu tun. Dann kommt wieder Jemand und haut uns oben drauf.

Sie: Und dann musst Du zurück hauen. Und irgendwann schaffst Du es, aus dieser Tonne auszusteigen. Du brauchst einen Sicherheitszaun um Dich herum – und den musst Du Dir aufbauen. Dann bist Du nicht mehr angreifbar, wenn Du aus der Tonne kommst.

Ich: Wie?
Sie: Das musst Du Dir zusammen mit Deiner Therapeutin erarbeiten. Hast Du eigentlich schon jemals zu Irgendjemandem gesagt, dass es Dir so richtig Scheiße geht?
Ich: Nein. So deutlich noch nicht.
Sie: Das solltest Du aber tun. Vor allem muß es Deine Therapeutin wissen. Und wenn Du nicht darüber reden kannst, dann schreib es auf. Und wenn Du nur auf einen Zettel schreibst, dass es Dir Scheiße geht, und Du den Zettel ihr dann gibst.

Ich: Ich schreibe schon die ganze Zeit auf, was mich beschäftigt. Und einen Teil der Unterlagen hat sie schon.
Sie: Stand da schon drauf, wie Du Dich fühlst?
Ich: Nein.

Sie: Wenn Du es ihr sagst, dann darfst Du dabei nicht Lächeln. Du bist ein Mensch, der immer lächelt und nicht zeigt, wenn es Dir wirklich dreckig geht. Jeder denkt von Dir, dass Du stark bist – keiner sieht, dass es Dir in Wirklichkeit schlecht geht. Die Anderen merken das nicht. Nicht jeder Therapeut wird merken, um was es bei Dir wirklich geht. Darum rede mit ihr!

 

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